„Ostern ist die Zeit der ersten Kreta-Urlauber. Weshalb es nun auch an der Zeit ist, auf ein neues Buch hinzuweisen, das in dem auf Kreta-Literatur spezialisierten Verlag von Dr. Thomas Balistier erschienen ist. Wer das Büchlein ins Reisegepäck steckt, wird von der Insel mehr haben als die Touristen-Oberfläche. Andererseits kann man es als kleine Kulturgeschichte auch zu Hause lesen - und sich packen lassen von einer Kreta-Lust, die weniger am Swimmingpool als im Kopf entsteht.
Der Autor Pavlos Tzermias ist Kreter, lebt und lehrt aber als Byzantinist und Neogräzist seit vielen Jahren in der Schweiz. Das hat den Vorteil, dass er zwar eine detailreiche Kenntnis der kretischen kulturellen Besonderheit besitzt, andererseits auch ein Bewußtsein dafür, wie wenig davon außerhalb Griechenlands oder selbst außerhalb Kretas vorausgesetzt werden kann. Fast jede/r, immerhin, kennt Nikos Kazantzakis, den Verfasser des 'Alexis Sorbas'. Dem berühmtesten Kreter der Moderne ist ein Kapitel gewidmet, das seiner komplexen Künstler-Persönlichkeit nachgeht: seiner Kunstauffassung, seinem Messianismus und Mystizismus, und zugleich seinem spezifisch 'kretischen Blick', der das Verhältnis zwischen Griechen und Türken ohne engherzigen Nationalismus zu betrachten vermochte. 'Rechenschaft vor El Greco' nannte Kazantzakis sein persönliches Bekenntnisbuch - richtig, auch der große Maler, der über Italien nach Spanien und dort zu Ruhm gelangte, stammte aus Kreta. Als Domenikos Theotokopoulos war er zunächst ein Meister des byzantinischen Stils.
Wer Tzermias' Kapitel über die Minoische Kultur und Gesellschaftsordnung gelesen hat, samt den diversen Thesen von Archäologen und Historikern über die möglichen Ursachen ihres Untergangs, wird den Palast von Knossos nicht nur als mythischen Ort betrachten. Deutsche Kreta-Besucher mögen Anlass zur Demut finden in der Erinnerung an deutsche Rasse-Theoretiker, die den Inselbewohnern aufgrund der naheliegenden arabischen und türkischen Einflüsse gegenüber den 'blonden' (!) Festlandshellenen Minderwertigkeit unterstellten. Was aber ist 'Tsitakismos'? Es ist ein Laut-Phänomen des kretischen Dialekts, das an das zischende Schwäbisch erinnert - und ins Schwäbische, nämlich zu den Tübinger Gelehrten Johannes Reuchlin und Martin Crusius führt ein Exkurs über die griechische Phonetik, unterhaltend auch für Nichtgräzisten!“