Also:
"Mittag auf der Insel Kreta
Langsam in einem schmalen Streifen aus Schatten
und beinah leise."
Darunter die Übersetzungen ins Griechische, Englische und Französische. Der Text ändert sich von Übersetzung zu Übersetzung kaum spürbar - wie die Fotos. "beinah leise" heißt "almost still" und "presque silence". Richard Nöbel ist einer der wenigen wirklichen Meister der poetischen minimal music. Wie schafft er es, dass man sofort versteht, dass dieses "beinahe leise" nicht aus dem Lärm, sondern aus der Stille kommt? Woher wissen wir, dass leise hier nicht das Gegenteil von laut ist, sondern das zögerliche Hervortreten aus der Lautlosigkeit?
Wir wissen es nicht. Es gibt nichts, woran wir es zweifelsfrei festmachen können. Aber wir spüren, dass in diesem Text das "leise" das erste Geräusch ist. Jede erste Zeile von Nöbels Texten endet mit "auf der Insel Kreta". Wer einen Kurs "Schneller lesen" besucht hat, wird mit dem Buch in zwei Minuten fertig sein, aber es gibt Bücher, die sind nicht zum Lesen gedacht. Wer sie liest, um anschließend sagen zu können, was der Autor gesagt hat, wird sie nie verstehen. Die Texte teilen zwar etwas mit, aber es geht ihnen nicht darum, sondern sie fordern auf, eine Haltung einzunehmen. Es sind Meditationstexte.
Sie wollen gesprochen sein. Immer wieder. Dann beginnen sie den Nachahmungstrieb zu wecken und diese scheinbar bewegungslosen, am Schweigen entlang sich formulierenden Wörter bekommen etwas Animierendes, Aktivierendes. Die ältesten Texte der Menschheit sind bekanntlich Kalkulationen und Warenlisten, aber gleich danach kommen Texte wie die von Richard Nöbel. Sie erzeugen Bedeutung. Keine bestimmte. Das macht ihren Zauber aus. Es ist der Zauber einer lange verpönten Magie. Aber, wenn wir auch nicht mehr an ihre Wirkung glauben, so erfahren wir sie doch als eine eigentümliche Schönheit. Vielleicht ging es früheren Zeiten nicht anders und alle Magie war, bevor sie in die Hände der Wissenschaftler geriet, die den Sätzen eine genaue, jeweils spezifische Bedeutung zumaßen, nichts als die uns immer noch berührende Macht der Schönheit des Bildes, des Klanges. Ohne Rätsel gibt es die nicht.
"Zuversicht auf der Insel Kreta
Dennoch begann im Fenster das Blau. Ja."


